Vom Werden, Sein und Blei­ben

Raf­faela M.

Ich habe mir in den letz­ten Jahren ein Leben nach meinen Träu­men auf­ge­baut. An meiner Seite, links und rechts, zwei Jungs, von denen der eine einen Ehe­ring und der andere eine Windel trägt. Mein fami­liä­res Umfeld unter­stützt mich als Mensch und Mutter, damit ich meiner Arbeit in der Gas­tro­no­mie nach­ge­hen kann. Meine Lieb­lings­men­schen treffe ich regel­mäs­sig zum Kaffee und noch regel­mäs­si­ger zum Apero. Ich bin ein aus­ge­gli­che­ner posi­ti­ver Mensch und stehe mit beiden Beinen in meinem Leben.
Bis zu diesem Tag. Lock­down.

Mein Leben zieht sich in meine eige­nen vier Wände zusam­men. Keine Beschäf­ti­gung mehr, 80% Lohn, wegen Kurz­ar­beit, 100% Haus­frau, weil 100% mehr Zeit zum Putzen und 150% Mutter, weil jeg­li­che Ent­las­tung von aus­ser­halb weg­fällt, plus ein «Mit­be­woh­ner» mehr, weil mit Corona auch die Arbeit meines Mannes in unsere Woh­nung ein­zieht.

In den ersten zwei Wochen über­wiegt die Freude über die auf­ge­drängte Ent­schleu­ni­gung. Ich mutiere zur per­fek­ten Insta­gram-Mum, bastle Seil­bah­nen, die nicht halten, mische einen Liter Sei­fen­bla­sen­was­ser zusam­men, ohne dass nur eine Sei­fen­bla­sen dabei her­aus­kommt. Der Ofen läuft heiss und es duftet nach zucker­freien Apfel-Rüebli-Keksen, lecker luftig leich­tem Bana­nen­brot und natür­lich jeden Sonn­tag nach Din­kel­zopf und Pan­ca­kes. Ich geniesse es, meinen Sohn stun­den­lang beim Spie­len zu beob­ach­ten und gleich­zei­tig ent­de­cke ich tief in meinem Herzen die gött­li­che Ener­gie, die mich aus­macht.
Zwei Wochen lang.

Von dem Zeit­punkt an, wo es jedem lang­sam bewusst wird, dass dieses Covid-19 gekom­men ist, um zu blei­ben, ver­schwin­den mein Enthu­si­as­mus, meine Krea­ti­vi­tät für Spiel­zim­mer und Küche, und zwi­schen­durch ver­schwin­den auch gehö­rig meine Nerven. Was in den ersten zwei Wochen noch ein lus­ti­ges Online-Apero mit Lieb­lings­men­schen war, wird zum Frust­sau­fen über Whats­App und Insta­gram.

Meine geliebte Yoga­matte ver­steckt sich hinter dem Schrank und ich ent­deckte neue Spiele fürs Smart­phone. Geputzt wird nur noch, wenn es unbe­dingt not­wen­dig ist, und das ist es nicht mehr, da ja auch nie­mand zu Besuch kommt. Meinen Sohn beob­achte ich immer noch voller Neu­gier, trotz­dem hängen mir die immer glei­chen Spiel­plätze lang­sam zum Hals raus. Den per­fek­ten Insta­gram-Mums auf ver­schie­de­nen Online­ka­nä­len kann ich nicht mehr zuhö­ren, wie sie über die abso­lute Erfül­lung als Mutter und Haus­frau sich aus­las­sen, gleich­zei­tig für ihre per­fek­ten Kin­dern glu­ten­freie Hafer­kekse backen und dabei aus­se­hen, als ob sie den nächst­mög­li­chen Coif­feur Termin sicher nicht wahr­neh­men werden. Ach ja, ich ver­gass, diese Mum war ich auch, zwei Wochen lang.

Irgend­wann nach fünf Wochen kommt der Tief­punkt. Ich habe genug von Social Distancing, Des­in­fek­ti­ons­mit­tel, Aus­sa­gen von irgend­wel­chen Viren­for­schern und Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­kern. Es wird lang­sam Zeit auf­zu­ste­hen und ein­fach wei­ter­zu­le­ben. Ich schlei­che mich ins Wallis zu meinen Eltern, treffe „zufäl­lig“ meine Lieb­lings­men­schen auf der Strasse und befasse mich ver­mehrt mit mir selbst, ohne das Geheul über den Virus im Hin­ter­kopf. Schritt für Schritt wird zur Nor­ma­li­tät, was vor fünf Wochen noch Aus­nah­me­zu­stand war. Ich lebe lang­sa­mer und trotz­dem nicht bewuss­ter. Mein Ter­min­ka­len­der füllt sich lang­sam. Die Zeit läuft wieder schnel­ler und ich hinke hin­ter­her. So schnell, wie mein System beim Lock­down her­un­ter­fah­ren musste, braucht es jetzt genug Zeit, um mein Leben wieder neu auf die Reihe zu krie­gen. Und ich wün­sche mir, dass es anders, bewuss­ter und dank­ba­rer wird.

Dis­c­lai­mer: Die publi­zier­ten Bei­träge ent­hal­ten die Mei­nun­gen und Stand­punkte der Ver­fas­sen­den, nicht jene von Cro­nica Corona.

Und: Die Bei­träge sind nicht lek­to­riert, Fehler sind Cha­rak­ter und damit Teil der Authen­ti­zi­tät von Cro­nica Corona.

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