Unter­wegs vom Begriff zum Inbegriff

Von Beat Rickenbacher.

Als alter Latei­ner traf ich auf den Begriff «Corona» in meiner Gym­na­si­al­zeit; damals in der Bedeu­tung von «Kranz», «Ehren­kranz», «Ver­samm­lung». Dass er der­einst als Begriff für eine Virus­fa­mi­lie auf­tre­ten würde, konnte ich zu jener Zeit nicht ahnen.

Andere Begriffe wie Wasser- oder Luft­ver­schmut­zung hin­ge­gen exis­tier­ten noch in keinem meiner Lehr­pläne. Wenn man das Wasser eines Baches nicht trin­ken sollte, dann sah und roch man das, weil der Bauer tags zuvor seine Jauche aufs Feld aus­ge­führt hatte; und wenn spo­ra­disch ein Auto den eige­nen Weg kreuzte, dann war das ledig­lich ein bei­ßen­der öliger Geruch, der einem die Atem­wege kurz­zei­tig reizte. Etwas später gab es zwar immer noch keine Nano­par­ti­kel und auch kein Plas­tik im Wasser, aber man sah dro­hende Gefah­ren durch Krank­hei­ten voraus, die aus Wasch­mit­tel­rück­stän­den in Gewäs­sern oder vom Bor­ken­kä­fer im Wald her­rüh­ren würden. Was man aber defi­ni­tiv für nicht wirk­lich hielt, war die Angst vor Pan­de­mien. Man wusste sich im Besitz einer schlag­kräf­ti­gen Medi­zin, die einen vor sol­chen Gefah­ren wirk­sam schüt­zen würde. Seu­chen, das waren Übel­keit pro­vo­zie­rende Relikte aus einer unwirk­li­chen Zeit, wo schwarz­ge­klei­dete Schna­bel­dok­to­ren mit Hand­kar­ren Lei­chen­hau­fen in kalk­prä­pa­rierte Gruben schmissen.

Heute muss ich mich beleh­ren lassen, dass das Corona Virus eine der schlimms­ten Plagen sei, welche die Mensch­heit jemals heim­suchte und dass man fie­ber­haft an einer Schutz­imp­fung arbeite. Im Fern­se­hen kon­fron­tiert man mich mit Bil­dern von Lei­chen­wa­gen­schlan­gen vor Kre­ma­to­rien und statt Hand­kar­ren sehe ich Kühl­con­tai­ner, die mit Lei­chen zur Zwi­schen­la­ge­rung befüllt werden. Kaum aus­zu­ma­len, dass man jah­re­lang die­sel­ben Trans­por­ter für den Import- und Export von Frisch­ge­müse und Früch­ten ver­wen­det hatte!

Drau­ßen auf der Straße wie­derum treffe ich täg­lich auf ver­mummte Men­schen, die ein­an­der gesenk­ten Haup­tes aus dem Weg gehen oder mir ver­klär­ten Blicks Distanz pre­di­gen und sich dabei zwang­haft im Hän­de­rub­beln üben. Doch damit kann ich leben: Ich habe in meinem langen Leben schon wesent­lich Ver­rück­te­res erlebt als Horden von ver­ängs­tig­ten Men­schen, die auf ihrer Handy-App nach Infi­zier­ten Aus­schau halten.

Wovor ich mich drau­ßen auf beschau­li­chen Spa­zier­gän­gen durch wohl­duf­tende Fluren und Wiese aber wirk­lich fürchte, ist der dro­hende Lärm, den hun­derte von Flug­zeu­gen täg­lich bald wieder ver­ur­sa­chen werden. Und mich ängs­tigt die Hektik der wieder aus dem Lock­down ent­las­se­nen Bestie «Alltag». Ich frage mich ver­zwei­felt, ob es denn dage­gen keinen Impf­stoff gibt?

Ist es mög­lich, dass wir Men­schen ohne medi­zi­ni­sche Unter­stüt­zung auf­wa­chen und nach einer neuen Sicht suchen – weg von ang­st­ein­flö­ßen­der, unüber­sicht­li­cher, auf Distanz beru­hen­der und an Man­gel­wirt­schaft lei­den­der Glo­ba­li­tät, weg von Mobi­li­tät, Kon­kur­renz und Natio­na­lis­mus, hin in ein Jen­seits vom Neo­li­be­ra­lis­mus, wo wir weder Schna­bel­dok­to­ren noch Kühl­trans­por­tern aus­wei­chen müssen. Ein Garten, eine har­mo­nie­rende Nach­bar­schaft, ein stil­les Abend­rot, der Gesang der Amseln, erfüllt vom Inbe­griff eines selbst gestal­te­ten, erfüll­ten Lebens, das seinem Namen Ehre erweist.

Das würde mir reichen.

Dis­c­lai­mer: Die publi­zier­ten Bei­träge ent­hal­ten die Mei­nun­gen und Stand­punkte der Ver­fas­sen­den, nicht jene von Cro­nica Corona.

Und: Die Bei­träge sind nicht lek­to­riert, Fehler sind Cha­rak­ter und damit Teil der Authen­ti­zi­tät von Cro­nica Corona.

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