Ein Sonn­tag im Mai im Jahr von Corona

Ein Bei­trag von Ulli Gau

Am Sonn­tag ist der Garten mein sichers­ter Ort. In Wald und Flur tum­meln sich die Hung­ri­gen – wer will es ihnen ver­den­ken? Ich viso­niere Wan­der­men­schen mit Kni­cker­bo­ckern, roten Strümp­fen und Mund­schutz. Seit­dem ich auf Insta­gram zig Fotos von Mund­und­na­sen­schutz­men­schen aller Cou­leur gese­hen habe, emp­finde ich anders. Bedroh­ter?

Um Alltag ringen, den Tagen am Morgen ihre ange­stamm­ten Namen zuord­nen und die dazu­ge­hö­ri­gen Zif­fern – als Halt. Ich denke an Zeiten, in denen es weder Tages­na­men, noch bezif­ferte Tage gege­ben hat, nur Mond- und Son­nen­läufe und Jah­res­zei­ten. So unver­traut es uns auch ist, auch damals ging es um ein Dach, einen Men­schen oder meh­rere an der Seite, um Part­ner­schaf­ten, Essen, Trin­ken, Sex, Liebe und Musik. Welche Geschich­ten Väter, Mütter, Groß­el­tern wohl den Kin­dern zur Guten Nacht erzählt haben? Welche Melo­dien haben sie beim Wiegen gesummt? Welche Worte haben sie ver­lie­dert?

 

M sagt, sie sei schon ganz ver­lot­tert. Ihre Tage und Nächte ver­schwäm­men inein­an­der. Wieder denke ich an die vier Tage und vier Nächte allein im Zelt – damals ver­schwam­men Tage und Nächte auch. Ich schlief, wenn ich müde gewe­sen bin und machte Men­schen­sa­chen, wenn ich wach und munter gewe­sen bin; ich fühlte mich frei – ich wollte nicht mehr zurück; ein trä­nen­rei­cher Abschied, einer mehr. So kam ich zurück. Ein win­zi­ger Teil von mir blieb für immer dort, wir sind nicht getrennt von­ein­an­der.

Ewige Ver­bun­den­heit über mich hinaus ist ein Unsi­cher­heits­fak­tor, den ich schwan­kend betrachte und ich denke an die Taube mit dem ver­letz­ten Flügel. Ob er ver­heilte?

 

Worte der Ver­luste, des Schei­terns und Suchens, der Fragen und Sehn­süchte finden sich auf Bergen von Papier, sie füllen Buch um Buch und ver­lie­dern sich. Der Jubel des Glücks ist schnell erschöpft. Ste­tige Wasser von Ver­trauen und wach­sen­der Liebe strö­men leise in tiefen Betten.

 

Heute wan­dere ich durch meine inne­ren Wälder und Wiesen, sitze am Ufer von Bruder Fluss, den nur ich so nannte und noch nenne. Ich lau­sche seinem stil­len Lied. Die zwei Fische, den klei­nen und den großen, hat der Fluss schon längst zum Meer getra­gen. Dort sind sie unter­ge­gan­gen.

Iso­la­tion also – frei­wil­lig und unfrei­wil­lig. Ver­schwim­mende Tage, Ver­lot­te­rung, Frei­heit, Ver­meint­lich­keit, Struk­tur in Nicht­struk­tur knüp­fen, von Knoten zu Knoten han­geln, die inne­ren Dia­loge werden lauter.

 

Ach, ihr armen Kinder! Immerzu gefilmt, foto­gra­fiert und behü­tet – die Einen. Die Ande­ren … es ist eine Grau­sam­keit in unse­rer Men­schen­welt! Mehr denn je. Autos zählen mehr als Kinder, Tech­nik mehr als intakte Natur. Besin­nung zur Umkehr ist ein­trags­los. Schwere Zeiten, nach­denk­li­che Zeiten, Tage mit roten Freu­de­punk­ten, willig meine Freude teilen und säen, für den Wider­stand. Um den Ängs­ten, der Schwere, den Unsäg­lich­kei­ten stand­zu­hal­ten. Den Rücken gerade halten, den Kopf oben, jeg­li­che Häme und Gehäs­sig­keit aus dem Gesicht strei­cheln, behut­same Schritte nach vorne gehen, Geheim­nisse sind die Beglei­ter.

 

Einmal noch die Hals­kette anle­gen, die Per­len­ohr­ringe und das beste Kleid anzie­hen, das ich Aschen­put­tel nicht mehr besitze, noch einmal zur Schiffs­ka­pel­len­mu­sik mich auf der Tanz­flä­che drehen und dann sinken; tief sinken – in den feuch­ten Mee­res­grund hinein. Dort den klei­nen und den großen Fisch wie­der­se­hen, mich zu ihnen legen, dann still – Ver­ges­sen und Ver­lo­ckung.

 

Ich möchte nie mehr von hier weg, erzähle ich heute dem Garten. Ich möchte weit weg, erzähle ich später den Zim­mer­wän­den. Über­all Wände. Hier nicht hin­dür­fen und dort­hin auch nicht. Die Zelle ist weit­läu­fig, Sicher­heits­türme sind keine zu sehen. Keine Kon­trollau­gen in der Nach­bar­schaft. Was weiß ich schon?

Doch ja, es ist Sonn­tag, der sieb­zehnte Mai im ein­und­zwan­zigs­ten Jahr des ein­und­zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts. Die Sonne wan­dert hinter die Bäume. Ich war heute spät dran, bis ich den Weg von drin­nen nach drau­ßen fand.

 

Ich höre dein Flat­tern. Wie schön! Dein Flügel ist ver­heilt.

 

Sechs­mal schlägt die Kir­chen­glo­cke. Ich brate Kar­tof­feln und mache einen Salat. Die Mahl­zeit, die nichts von Ver­mäh­lung hat, nehme ich auf dem links­sei­ti­gen Stuhl am Tisch ein. Auf dem Stirn­sei­ten­stuhl sitze ich, wenn ich früh­stü­cke, der rechts­sei­tige Stuhl ist für die Gäste, die jetzt aus­blei­ben. Nach dem Essen werde ich gesel­lig. Ich öffne ein Bier und stoße mit mir an. Ich lächel mir zu und wün­sche uns ein gutes Leben.

Dis­c­lai­mer: Die publi­zier­ten Bei­träge ent­hal­ten die Mei­nun­gen und Stand­punkte der Ver­fas­sen­den, nicht jene von Cro­nica Corona.

Und: Die Bei­träge sind nicht lek­to­riert, Fehler sind Cha­rak­ter und damit Teil der Authen­ti­zi­tät von Cro­nica Corona.

2 Gedanken zu „Ein Sonn­tag im Mai im Jahr von Corona“

    1. Danke dir Ulli! Unge­mein toller Text und lite­ra­risch – schöne Abwechs­lung! Das Bild ist von der Aare, bei mir um die Ecke 🙂 Ganz herz­lich, m

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